Benno Fürmann, Schauspieler

Nach acht Jahren Merkel stellt sich die Frage: Ist das alles, was wir drauf haben? Ich würde so gerne in einem progressiven Land leben. In einem modernen Land. In einem Land, das den Anforderungen unserer Zeit gerecht wird und Verantwortung übernimmt.

Zum Beispiel bei der Energiewende. Sie wurde ausgerufen, aber anstatt endlich bindende Gesetze engagiert voranzubringen, wird weiter rumgeeiert. Als hätten wir alle Zeit der Welt. Als wären die drohenden Katastrophen nicht unsere Katastrophen. Wir stecken den Kopf in den Sand und hoffen, dass alles halb so schlimm wird, hoffen, unseren Lebensstandard halten zu können.

Aber den Preis dafür zahlen andere. Diejenigen, die am wenigsten zum Klimawandel beitragen, sind am stärksten von den Auswirkungen betroffen. Die Menschen in der Sahelzone beispielsweise, verursachen kaum CO2-Emissionen, doch die durch den Klimawandel bedingten immer häufiger auftretenden Dürren führen dort schon jetzt zu noch mehr Hunger.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach sich zuletzt auf der Automesse IAA gegen die von der EU angestrebten strengeren Emissionsobergrenzen für Autos aus. Klar, sind wir eine Auto-Nation, aber wie kann man heute allen Ernstes noch mit einem SUV durch die Stadt fahren? Habe ich früher auch gemacht. Mittlerweile finde ich es falsch. Und peinlich.

Wir brauchen endlich verbindliche Emissionsobergrenzen für Pkw: 80g/km fordert zum Beispiel die Naturschutzorganisation BUND. Wir leben nicht mehr in den Achtzigern. Wir müssen als Konsumenten mehr Verantwortung übernehmen. Wir fahren Auto mit Bio-Sprit von Agrar-Anbauflächen – bei einer Milliarde Hungernden weltweit eine Schande!

Dörfer in der Lausitz erzeugen durch Solaranlagen und Biogas mehr Energie als sie verbrauchen und müssen dennoch dem Tagebau weichen. Werden abgerissen, damit fossile Brennstoffe gefördert werden können – eine extrem veraltete und umweltbelastende Technologie. Soll diese Absurdität unsere Antwort auf den Klimawandel sein? Klimagipfel verlaufen prinzipiell weitestgehend ergebnislos. Wo bleibt das internationale Gewicht, das Deutschland in die Waagschale werfen könnte, die Konsequenz in unserem Handeln? Wir dämmern so dahin.

Die Energiewende wird durch Diskussionen über die steigenden Energiepreise schlecht geredet. Warum aber tragen die privaten Endverbraucher einseitig die Mehrkosten für den Umstieg auf erneuerbare Energien, während große Unternehmen von Zahlungen befreit werden, damit ja nicht ihre Wettbewerbsfähigkeit gefährdet wird? Das mag hier und da angemessen sein, aber diese Sonderregelungen müssen den tatsächlichen Notwendigkeiten entsprechen und dürfen nicht ein Blankoscheck für Gewinnmaximierung auf Kosten der Umwelt sein. Der Einzelne muss Verantwortung übernehmen, der Staat muss Verantwortung übernehmen, und es kann nicht sein, dass die Wirtschaft aus der Verantwortung entlassen wird. Sonst schaffen wir das nicht.

Vielleicht ist das Zukunftsmodell größere Unabhängigkeit von Energieriesen. All die Initiativen von Genossenschaften und Bürgern, die durch Betreiben von Solaranlagen und Energieparks ihre eigenen Energiewirte sind, übernehmen bereits Eigenverantwortung. Und genau das brauchen wir. Eigenverantwortung. Politische Maßnahmen sind das eine, eine Reduktion unserer Maßlosigkeit das andere. Wie viel Wachstum, wie viel Konsum brauchen wir wirklich? Wie viele Lampen müssen brennen? Wo kommen die Textilien her, die wir kaufen? Wie viel Fleisch kann der Mensch in der westlichen Welt essen, ohne darüber nachzudenken, wer den tatsächlichen Preis dafür zahlt?

Deutschland hat teilweise niedrigere Umwelt- und Tierschutzstandards als andere EU-Staaten und bezuschusst sogar industrielle Massentierhaltung. Millionen Hühner, 20 Tiere zusammengepfercht auf einem Quadratmeter, die, hochgezüchtet bis zum Umfallen und vollgepumpt mit Antibiotika in wenigen Tagen künstlich zur Schlachtreife gepusht werden, nie das Tageslicht sehen und denen die Schnäbel abgeschnitten werden, damit sie sich in ihren Mastgefängnissen nicht gegenseitig tothacken – das ist in Deutschland nicht nur legal, sondern auch noch subventioniert!

Wir importieren auf gerodeten Regenwaldflächen angebautes Soja als Futter für die Massentierhaltung, und dann exportieren wir deutsches Billighuhn nach Afrika und vernichten dort lokale Märkte und schaffen – abgesehen von einer saftigen CO2 Bilanz – Armut. Wie war das noch mit dem Millenniums-Ziel, die Armut bis 2015 zu halbieren? Davon sind wir weit entfernt, dabei war es noch nie so machbar wie jetzt!

Und in Berlin-Hellersdorf brüllen Neonazis: „Ausländer raus!“

Gleichzeitig geht die Angst vor Wirtschaftsflüchtlingen um. Wir ziehen die Zäune höher. Schotten uns ab. Lassen die Probleme draußen, die wir mit produzieren, die hausgemacht sind. Geld fließt frei, Menschen werden an den Grenzen ausgesiebt. Wir reden mehr über den Schutz vor, als über den Schutz von Flüchtlingen. EU-Außengrenzen machen Fluchtwege zur Lebensgefahr. Statt in Zäune und Haftzentren entlang der Außengrenzen, muss Europa in faire Asylverfahren und menschenwürdige Lebensbedingungen für Flüchtlinge investieren. Mehr als 1500 tote Flüchtlinge allein im Mittelmeer, allein in 2011, Dunkelziffer unbekannt.

Ich war letztes Jahr in Flüchtlingslagern im Südsudan und habe Menschen getroffen, die verdammt viel Pech bei der Geburtslotterie hatten, einfach im falschen Land zur Welt kamen. Die vorher schon nichts hatten und auf der Flucht auch noch ihre Familie verloren haben, vergewaltigt wurden. Und falls Flüchtlinge es irgendwie bis zu uns schaffen, werden sie in der EU als Kriminelle behandelt, inhaftiert, oft ohne Zugang zu einem Anwalt, geschweige denn zu einem Asylverfahren. Durch sogenannte Pushback-Aktionen werden sie zurückgeschubst aufs offene Meer oder über den Grenzfluss Evros in die Türkei. 1.500 Tote in 2011! In welchem Jahr leben wir bitte?

Wir müssen als Deutsche zusammen mit den anderen EU-Staaten endlich unserer Verantwortung gerecht werden, Flüchtlingen die Möglichkeit geben, ein gerechtes Asylverfahren zu bekommen. 80 Millionen Deutsche fühlen sich überflutet von 20.000 Flüchtlingen im Jahr 2012. Im selben Jahr wurden vom Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen über 170.000 Menschen als Resettlement-Flüchtlinge eingestuft – Menschen, für die es lebensgefährlich ist, in ihre Heimat zurückzukehren und die woanders keine dauerhafte Zukunftsperspektive haben. Davon sind weltweit nicht mal die Hälfte aufgenommen worden, mehr als 50.000 davon von den USA. Von Deutschland 305! Und in Berlin-Hellersdorf brüllen Neonazis: „Ausländer raus!“

Als Gesellschaft müssen wir uns an unseren Taten messen lassen. An unserer Haltung gegenüber Flüchtlingen, der Umwelt, der Armut. Es sind riesige Themen, an denen wir zu schrauben haben.

Die Frage bleibt: Ist das, was wir tun, das Beste, was wir tun können? Machen wir genug? Ist das wirklich alles, was wir drauf haben? Am 22.9. können wir darüber mit abstimmen.

Erstveröffentlichung: Handelsblatt; Copyright: Foto Thomas Rusch