Friederike Heller, Theateregisseurin

Es ist nicht einfach, sich selbst über den spürbaren und quälenden Riss zwischen Alltagsbeobachtung und scheinbar abgekoppeltem politischem Apparat hinwegzudenken. Trotz Wahlrecht, Avaaz, Petitionen, Bürgerentscheiden etc.

Oft hören sich politische Forderungen, z.B. die Regulierung der Finanzmärkte und des Lobbyismus oder die Lockerung des Asylrechts z.B. in Form von Aufhebung der Residenzpflicht und des Beschäftigungsverbots der Asylsuchenden, für drei Sekunden gut an, bevor man in tiefe Resignation über die Komplexität der Aufgaben versinkt, gleichzeitig wissend, dass man genau in diesem Moment menschliche Pflichten schwänzt und das Recht auf Teilhabe aufgibt.

Vielleicht macht der allgemeine relative Wohlstand in Deutschland bequem, blind, taub und stumm? Ein Wohlstand, von dem bekannt ist, dass er auf Kosten anderer geht.

Ein Teil dieser ”Anderen” wird an den Zäunen Europas unter menschenunwürdigen Umständen gelagert, zurückgeschickt, beschossen beim Versuch, an dem als paradisiesche Verlockung erscheinenden Projekt Europa teilzuhaben. Europa, in seinem jetzigen Stand, war auch der innige Traum der besseren unserer Vorfahren. Warum riskieren wir aus eher dumpfen Befindlichkeiten dieses Glück?

Die schicke Bequemlichkeit, nur um sich selbst zu kreisen, wird in dem Buch ”Kritik des Theaters” von Bernd Stegemann, dieses Jahr erschienen im Verlag Theater der Zeit, Berlin, auf sehr plausible Weise analysiert:
”Der Kapitalismus ist nicht mehr der gleiche wie vor fünfzig Jahren.

Er hat rasend schnell hinzugelernt und steht heute in seinem neuen Geist monströser und unbesiegbarer da denn je. Keine Finanzkrise, keine Occupy-Bewegung und keine bildungsbürgerliche Sorge um das symbolische wie reale Kapital können ihn mehr in Frage stellen. Seine Kraft besteht darin, jede Kritik als Wachstumsimpuls vereinnahmen zu können.

Doch nicht nur, dass jeder Protest sein T-Shirt bekommt, sondern auch auf einer völlig anderen Ebene hat sich die Forderung nach mehr Geld zum absoluten Maßstab der Gesellschaft gemacht. Hinter dem Rücken konkreter Lebensverhältnisse hat sich das Geld zu einem postmodernen Kapital entwickelt, das sein Ziel, sich dem regulierenden Zugriff politischer Herrschaft zu entziehen, weitestgehend erreicht hat. Die Spätmoderne hat sich somit in zwei einander diametral entgegengesetzte Richtungen entwickelt:

Auf der Theorieseite der Postmoderne verflüssigen die Denkbewegu ngen der Dekonstruktionen alle Fundamente von Meinung, Haltung und Handlung. Auf der praktischen Seite wird genau diese Form der Derealisierung des Sozialen von der Finanzindustrie genutzt, um ihre Produkte immer raffinierter zu machen. Was den Geisteswissenschaften die Derridasche Differànce ist, war der Finanzindustrie die Black-Scholes-Formel.

Doch während sich das postmoderne Lebensgefühl noch in den Überbietungsspielen des Nichtdarstellbaren, der Verweigerung der Repräsentation und der Freiheit in der Kontingenz gefällt, nutzt der postmoderne Kapitalismus die gleichen Theorien, um sein Handeln von jeder Verantwortung zu befreien.

Die postmoderne Antwort auf die alte Frage nach der Entfremdung des Menschen in der Welt besteht heute in der globalen Produktion egoistischer Subjektivität. Damit schließt sich zum ersten Mal seit dem Mittelalter wieder der Riss zwischen den Mühen des Lebens und seiner Begründungsideologie in einem geschlossenen Glaubenssystem.

Die Gesellschaften der Spätmoderne beten das interessengeleitete Subjekt und die Mechanismen seiner Bereicherung als natürliche Ordnung der Welt an. Doch was den Vielen als Freiheit verkauft wird, ist der Höhepunkt von Entfremdung, was von den Arbeitern als Kreativität gefordert wird, ist die Folge fehlender Solidarität, und was allen stolz als Kontingenzbewusstsein oder Postfundamentalismus vorgeführt wird, führt zur Selbst-Entmachtung gegenüber den Strategien des postmodernen Kapitalismus.

Mit den Kritikformen vergangener Jahrzehnte ist dem postmodernen Kapitalismus nicht mehr beizukommen. Die Aufregung über gierige Banker, korrupte Politiker und egoistische Mitmenschen flammt inzwischen gerne auch im konservativen Lager auf und taugt als Sprengsatz im Erregungsspiel öffentlicher Aufmerksamkeit. (…) Die Kritik des Wutbürgers bleibt bisher in der Empörung über die monströse Verzerrung gefangen. Die Frage nach den immanenten Ursachen der Entfremdung im kapitalistischen Arbeitsregime wagt sie nicht zu stellen. (…)

Da sich die postmoderne Weltanschauung als Ende aller Ideologien begreift, ist eine Ideologiekritik besonders kompliziert. Doch sobalb der gut versteckte Zusammenhang von postmoderner Theoriebildung und neuem Geist des Kapitalismus erkannt ist, entpuppen sich ihre Denkformen als ideologische Herrschaftsmittel, die Interessen verschleiern und Hierarchien als Natur erscheinen lassen.

Die Behauptung der Postmoderne, selbst keine Ideologie zu sein, stellt die raffinierte Selbstimmunisierung dar, die dem neuen Kapitalsmus seine Tarnung verschafft, um weiterhin behaupten zu können, die effizienteste Lebensform für den natürlichen Egoismus des Menschen zu sein. Beide Ausprägungen der Postmoderne – die ästhetische und ökonomische – schützen sich gegenseitig und schläfern damit die Fähigkeit der Gesellschaft, Kritik zu formulieren, seit Jahrzehnten ein.” aus: ”Kritik des Theaters” von Bernd Stegemann, Verlag Theater der Zeit 2013, S. 9ff