Haltung von Künstlern – Künstler mit Haltung (Recap)

Wie positioniert man sich in Zeiten wie diesen? Gehört es zum guten Ton, sich als Künstler für gesellschaftliche und politische Belange zu engagieren? Ziert man mit dem eigenen Konterfei Kampagnen, oder ist man direkt aktiv? Hat sich Engagement verändert, in Zeiten, wo anonyme Pöbler durch die Sozialen Medien ziehen und man, wie jüngst Til Schweiger, schnell einen shitstorm der eigenen „Fans“ erntet? Wofür engagieren sich Prominente heutzutage, wie wählen sie aus der Vielzahl von Kampagnen, Aktionen und Unterstützungsanfragen aus?

Darüber haben wir Anfang September zusammen mit Schauspieler Tayfun Bademsoy, Sängerin Dota, GehtAuchAnders-Mitglied Richard Haus (aka P.R. Kantate), Sängerin Jocelyn B. Smith und Schauspieler Hannes Jaenicke mit Moderatorin Vivian Perkovic im P.Ostbahnhof diskutiert. Dazu eingeladen hatte die Bundeszentrale für Politische Bildung, die im Rahmen des Programms „Futur 25“ – eine kleine Bestandsaufnahme 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung gemacht hat und Zukunftsvisionen skizzierte. Organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltung von Claudia Frenzel/Geht Auch Anders. In der Diskussion einhellig war, dass man sich – egal ob prominent oder nicht – engagieren muss, Mittel und Wege des Engagements aber immer individuell sind.

Für etwas einstehen!

„Man muss seinen Mund aufmachen und für etwas einstehen“, sagte Schauspieler Tayfun Bademsoy. Er selbst engagiert sich aktiv für Flüchtlinge. Neben Unterstützung einer großen Spendenkampagne der Welthungerhilfe Ende 2014, auch ganz privat. In einer kleinen Wohnung, die dem Schauspieler gehört, wohnt einer der bekanntesten syrischen Dokumentarfilmer, Talal Derki, mit Frau und Kind, der als Flüchtling nach Berlin kam.

Bademsoy unterstützt die Familie dabei, sich im deutschen Alltag zurecht zu finden, und längst hat sich zwischen Gastgeber und Geflüchteten eine Freundschaft entwickelt. Schon Ende letzten Jahres wollte er, dass die Medien darüber berichten und anderen eine Idee geben, was man tun kann. „Damals haben sie gesagt, das sei ihnen zu politisch. Jetzt, als vor einigen Tagen das Foto von dem toten Jungen in der Türkei um die Welt ging, hat sich der Sender sofort gemeldet und nun wollen sie plötzlich unbedingt drehen. Die Medien bringen so was leider nur dann, wenn sie wissen, dass es Zuschauer bringt.“

Verantwortung gegenüber den Fans

Sängerin Dota ist, was man per se eine Sängerin mit Haltung nennen kann. Ihre Texte sind direkt, empathisch und malen ein bisschen von einer anderen Welt, beispielsweise ohne Grenzen, wie sie im gleichnamigen aktuellen Song, den sie zum Abschluss der Diskussion auch sang, träumt. Sie läuft bei ihren Fans nicht Gefahr, einen shitstorm für ihre Haltung zu ernten. „Wenn Äußerungen, die ich in Songs, oder sonst mache, von 95 Prozent meiner Konzertbesucher ohnehin gut gefunden werden, dann ist der Vorwurf der Akklamation gleich da“, sagt sie.

Natürlich engagiert sie sich, singt auf Demos und Benefizkonzerten, organisiert diese mitunter auch selbst. Dass man mit einem bekannten Namen auch eine gewisse Verantwortung gegenüber seinen Fans hat, liegt für sie auf der Hand und andersherum wolle man ja auch Fans, die teilen, was man textet und sagt. „Es gibt viele sehr unpolitische und noch junge Fans bekannter Musiker und wenn Leute wie Marteria oder Peter Fox ein politisches Statement abgeben, kann das eine ziemlich große Wirkung haben. Und das ist es, was man als Künstler tun kann, sich ernsthaft engagieren“, sagt die Musikerin.

Doch ist die Strahlkraft bekannter Musiker und Schauspieler wirklich so groß? Richard warf in den Raum, dass auch aufwendig von GehtAuchAnders produzierte Filmbeiträge beispielsweise zur Europawahl  mit Pierre (aka Peter Fox), letztlich auch nur von einigen hundert Leuten angesehen wurden. „Es ist nicht per se so, dass nur, weil jemand bekannt ist, seine politische Meinung mehr als diejenigen erreicht, die sich sowieso schon politisch interessieren.“ Es bleibt also eher eine potentielle Reichweite.

Künstler sind auch ‚auch‘ nur Menschen

Jocelyn B. Smith, die sich seit vielen Jahren u.a. für Obdachlose und Flüchtlinge in Berlin engagiert, hat Jahrzehnte politisches Engagement von Künstlerin in Europa und den USA miterlebt. Die Fülle an zugänglichen Informationen, paralysiere die Menschen heute. „Wenn bekannte Musiker, wie Peter Fox, eine Weg vorgäben, würden ihm die Fans folgen. Aber wir sind von Informationen überrollt, können nicht mehr denken. Das wäre für die Künstler nicht anders. „Auch wir fragen uns, wo sollen wir anfangen?“

Dieses Gefühl hatte sicher jeder von uns schon. Kantate, der für GehtAuchAnders am Abend auf dem Podium mitdiskutierte, entschied sich 2013 bei der Künstlerplattform mitzumachen. „Für mich war GehtAuchAnders in gewisser Weise ein Antrieb, mir ein Thema zu erarbeiten und ich habe mir beim Schreiben vorgestellt, wie ich etwas anders machen würde, damit bekommt man eine andere Sichtweise auf Dinge. Aber ich hätte mich sicher nicht allein hingesetzt und solche Gedanken formuliert, über unseren Blog habe ich einen Ansporn bekommen.“

Inzwischen ist GehtAuchAnders ja auch mehr als ein Blog. Ein gemeinnütziger Verein wurde letztes Jahr gegründet und „mittlerweile sind wir auch in die analoge Welt gegangen, mit Veranstaltungen wie dieser oder Diskussionsrunden über Asyl- und Flüchtlingspolitik“.

Bekanntheit nutzen

Der wohl prominenteste Gast des Abends war Schauspieler Hannes Jaenicke, eines der meistgebuchten deutschen Fernsehgesichter. Er engagiert sich für den umwelt- und Klimaschutz, die Christoffel-Blindenmission und unterstützt Bündnis 90/ Die Grünen sowie zahlreiche NGOs. Bewusst nutzt er seinen Namen, um nicht die schon Bekehrten zu erreichen, sondern die Masse. „Das Netz nutze ich natürlich einerseits als Promotionsplattform, um Publikum zu generieren, andererseits aber auch, um auf bestimmte Belange aufmerksam zu machen.“

Mit seinen Dokumentarfilmen, die oft von den großen Privatsendern finanziert und ausgestrahlt werden, nutzt Jaenicke seine Bekanntheit regelmäßig, um neben Umweltzerstörung auch auf die Arbeit von NGOs hinzuweisen, denen oftmals nach den Ausstrahlungen im deutschen Fernsehen dann ein erhöhtes Spendenaufkommen die Weiterarbeit sichert. „Ich nutze das Netz letztlich so, um Geld für Organisationen zu generieren, die ich für unterstützenswert halte.

Doch wer ist unterstützenswert?

Fast jeder erinnert sich an Meldungen von NGOs, die Spendengelder nicht transparent dargestellt oder gar zweckentfremdet haben. „Da ist es nicht leichter, wenn sich für den Erhalt des Regenwaldes in Borneo beispielsweise 800 Organisationen einsetzen“, wie Hannes Jaenicke erzählte. An einer Recherche komme man da, so der Schauspieler, nicht vorbei. „Ganz ehrlich, NGOs müssen Geld verdienen und das machen sie mit lauteren und manchmal auch unlauteren Mitteln“, so Jaenicke, „am Ende muss man hinfahren, wenn man wissen will, wie es konkret funktioniert.“

Dass man dabei als normaler Bürger schnell an seine Grenzen stößt, ist klar. Aber es gäbe, so Jaenicke, eine Menge guter und transparenter Organisationen, die man unterstützen kann und muss. Für ihn sei es selbstverständlich.

Zum Ende der Diskussion versuchten wir noch auszuloten, wo die Grenzen von Engagement sind, vor allem politische. Wie weit würde man sich Feind, Gegner oder Politikern nähern, wo sind ethische Grenzen? Oder inwiefern stellt man gar konkrete politische Forderungen, wenn man mit Politkern zu tun hat?

Hier langen die Meinungen auseinander. Dota schloss aus, sich für irgendeine Partei zu engagieren oder bei ihr aufzutreten. „Es ist auch schwer als Musiker, seine Meinung an einen Politiker zu knüpfen, der am Ende nicht die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt.“ Hannes Jaenicke widersprach ihr postwendend und bedauerte die Angst deutscher Künstler, sich deutlich zu positionieren. Er gab zu, dass sei eine eher amerikanische Sicht, wo es fast Pflicht sei, einen republikanischen Präsidenten zu verhindern. „Als Amerikanerin, die hier seit 30 Jahren lebt, sollte ich vielleicht viel eher Brücken bauen, als mich für eine Seite zu entscheiden“, wich Jocelyn der etwas Frage aus.

Alle unterstrichen, dass es ethische Grenzen, die aber einzeln betrachtet werden müssten, gäbe. „Klar mache man“, so Bademsoy, „nicht für Kik oder McDonalds Werbung, dass einige recht angesagte Schauspieler, von denen wir immer dachten, dass sie cool sind, das dennoch tun, muss man kritisch sehen.“

Den Weg des Engagements zu Ende gehen

Richard wies auf die bewusste Entscheidung hin, die aber manchmal mit Blick aufs Konto nicht immer einfach ist – am Ende könne man solche „Fehltritte“ vielleicht mit dem Versuch, die anderen vom Besseren überzeugen zu wollen, vor sich selbst rechtfertigen. Was für die McDonalds-Werbung natürlich nicht geht.

Das Meiste links von der Mitte, sei schon vertretbar, hinschauen müsse man aber dennoch. Er selbst habe früher schon Auftritte für drei linke Parteien absolviert, bei Anfragen anderer Parteien wäre er nicht dabei. Für Hannes Jaenicke ist es nicht problematisch, den Weg des Engagements auch zu Ende zu gehen. Er ist Mitglied der Grünen und hat sie auch schon aktiv im Wahlkampf unterstützt. Letztlich sind KünstlerInnen bei solchen Entscheidungen mit sich und ihren Teams allein. „Jeder entscheidet für sich, wo er steht und wie weit er geht“, unterstrich Tayfun Bademsoy am Ende.

Für GehtAuchAnders zusammengefasst von Claudia Frenzel und Richard Haus