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Hartmut Becker, Schauspieler, Autor

WIR SIND DAS VOLK oder WE ARE THE WORLD, das sind einprägsame Slogans. Aber wer sind WIR eigentlich ? Politiker, die UNS in Regierungen vertreten, sollten als erstes ihre Wertedefinition grundlegend überprüfen , bevor sie ans Werk gehen.

Und jetzt zum Thema, Kamera ab für den satirischen Kurzfilm „NEUES DEUTSCHLAND oder EIN TAG IM OKTOBER“:

PARK/ZIMMER IM SCHLOSS BELLEVUE. AUSSEN-INNEN/NACHT

Das nervöse Kameraauge fährt dicht über den überraschend ungepflegten nächtlichen Rasen auf die Fassade des Schlosses Bellevue zu. Der Blick nimmt das einzige beleuchtete Fenster der Vorderfront ins Visier. Musikalische Fetzen einer Pink-Floyd-Ballade sind unter der Kamerabewegung auszumachen („The Wall“ oder „Mother“).

Der Blick kriecht langsam die im Mondlicht weiß schimmernde Wand der Fassade des Schlosses in Richtung Fenster empor. Das beleuchte Fenster ist nur angelehnt, so dass sich das Kameraauge mühsam ins Innere eines prachtvollen Raumes im Inneren zwängen kann. Erstaunlicherweise ist das frühklassizistische Zimmer bis auf zwei moderne bequeme Sessel leergeräumt.

Der Bundespräsident und ein sehr junger Mann (16 oder 17) sitzen sich gegenüber und blicken einander minutenlang stumm in die Augen.

BUNDESPRÄSIDENT (endlich): Ich bin ja genauso überrascht wie du… ich meine, wie…, wie Sie.
JUNGER MANN: Ja. Is’ halt so gekommen.
BUNDESPRÄSIDENT: Wobei…, wir haben da jetzt Probleme. Also, ein Problem rechtlicher Natur. Vor der Vereidigung.
JUNGER MANN: Gewählt is’ gewählt. Oder?
PRÄSIDENT: Schon, aber der rechtliche Rahmen…, das muss nochmals überprüft werden, Herr…eh, Bundeskanzler.

Kaum ist das Wort Bundeskanzler durch den Bundespräsidenten ausgesprochen, geht ein deutlich sichtbares Sich-Aufrichten durch den Körper des jungen Mannes. Die braunen Augen strahlen eine große Heiterkeit gleichsam in den Raum. Der junge Bundeskanzler fährt sich mit der rechten Hand zufrieden durch sein pechschwarzes, dichtes Haar.

JUNGER MANN/BUNDESKANZLER: Sie werden das…, ich darf doch du sagen, oder? Weil, du bist einfach ein lässiger Typ, Joachim. Und drum kriegst du das meiner Meinung nach auch supercool hin. Stimmt’s? Sind ja noch’n paar Tage.
BUNDESPRÄSIDENT: Ehrlich gesagt, Sie, also, du kannst ja nichts dafür, Herr Bundeskanzler. Weil, da ist irgendwas schiefgelaufen, oder?
BUNDESKANZLER: Wieso?
BUNDESPRÄSIDENT: Na, ja…, also, dein Programm…, das ist…, alle Achtung, unter uns gesagt. Das hat sich noch nie jemand getraut. Imponiert mir mächtig. Jetzt wo wir unter uns sind, kann ich das ja sagen. Tja, in Italien wär’ das alles kein Problem.

Die Miene des jungen Bundeskanzlers hat sich bei dem Wort Italien abrupt verfinstert.

BUNDESKANZLER: Scheiße, was redest du da. Und ich dachte immer, du bist der einzige… (schreit) Scheiße! Sind wir hier in einer Bananenrepublik?
BUNDESPRÄSDENT (stottert): Also, das verbitte ich…, Italien, das ist doch immer noch…
BUNDESKANZELER (unterbricht ihn harsch): Wir, meine Mannschaft und ich wir haben glasklare Ziele angepeilt. Und du bist doch auch dafür, das hast du mir vorhin freundschaftlich – wie du dich ausgedrückt hast – versichert. Aber eigentlich brauchen wir deine Freundschaft gar nich’. Darüber solltest du mal nachdenken. Das ganze Amt sollte man eigentlich in den Orkus… Tschuldige, Präsident, is’ nicht persönlich gemeint. Und der Rösler…, der is’ doch sowieso eine Nulpe. Dein Mentor. Aber der ist jetzt Gottseidank auch im Eimer…
BUNDESPRÄSIDENT (stottert immer noch): Was meinen Sie mit in den Orkus, Herr Bundeskanzler.
BUNDESKANZLER: Was willst du denn hier in diesem öden, blankgeputzten Schloss. Repräsentieren, ja, ich weiß. Und was soll das sein? Neujahrjahrempfänge und so?
BUNDESPRÄSIDENT (flüstert jetzt stotterfrei): Unter uns gesagt, ich würd’ ja auch lieber in Ihrem, also, in deinem Stab arbeiten. Beraten und so. Aber sicher bin ich mir da nicht, ob das rein rechtlich…
BUNDESKANZLER: Joachim…, darf ich Jockel zu dir sagen?
BUNDESPRÄSIDENT: Jockel? Ich versteh nich’…
BUNDESKANZLER: J o c k e l, wir machen jetzt eine menschliche, eine gerechte, eine saugute Politik. Wir hauen diesen Gierköpfen ordentlich auf die Nasen, damit sie ihren eigenen Gestank nich’ mehr riechen können und endlich zur Vernunft kommen. Wir schicken die in einen Sandkasten- oder Sonstwiekurs, damit sie sich daran erinnern, wie man miteinander umzugehen hat. Und rein rechtlich werden wir das hieb- und stichfest absichern. Und du wirst das erst mal absegnen. Und dann sehen wir weiter. (überlegt) Ja, vielleicht wärst du der Richtige im Team für… für eh…
BUNDESPRÄSIDENT: Ja, absegnen. Das würd’ ich gern mal wieder machen. Ein paar gute Ideen hätt’ ich auch noch was Ihr… also, dein Programm in Sachen Jungendarbeit…
BUNDESKANZLER (springt auf): Mensch, Jockel! Hast du denn gar nix begriffen. Jungendarbeit, Erziehung, Kindergartenexerzitien und solche Sachen wird’s jetzt nich’ mehr geben. Wir sind am Drücker, die Jungen. Und da werdet ihr Alten oder Erwachsenen – ganz wie du willst – bei uns in die Schule gehen.

Der junge Bundeskanzler ist vehement durch den frühklassizistischen Raum gekurvt und bleibt nun vor dem Bundespräsidenten stehen. Der ist irgendwie in seinem Sessel kleingeschrumpft. Der Bundeskanzler schaut dem alten Herrn mit großer Heiterkeit lange in die Augen.

BUNDESKANZLER (sanft): We are the world. Schon mal gehört? Wir übernehmen jetzt, und ihr müsst noch mal bei uns in die Schule geh’n. (lacht) Is doch ganz einfach, Jockel.

Der junge Bundeskanzler geht jetzt zu der prunkvollen, frühklassizistischen Doppeltüre und stößt sie mit elegantem Schwung auf. Sofort fällt gleißenden Licht in den vorher karg beleuchteten Raum und eine quirlige Geräuschkulisse, ein Gemisch aus Stimmen, Pink-Floyd-Musik, Lachen, Rufen, Begrüßen dringt in den Raum. Der Bundespräsident steht erwartungsvoll auf.

– FINE –