Jochen Sandig, Kulturunternehmer

Ich wähle das Gehen. Nicht nur am Wahlsonntag. Ich mag den Vorgang des Fortgangs. Ich liebe die Bewegung. Die Fortbewegung von einer Position zu einer anderen. Von einem Ziel zum nächsten. Ich wähle nicht den Stillstand. Still stehen kann Sinn machen in bestimmten Situationen. Aber meistens bin ich nur still, wenn ich Ruhe suche. Wenn ich schlafe. Dann bewege ich mich nicht fort, sondern bleibe an einem Fleck. Wenn ich wach bin, möchte ich aber wandeln – und verwandeln. Veränderung bedeutet Leben. Das Neue kann nur durch Veränderung entstehen.

Ich wünsche mir eine wache Demokratie und keine Demokratie im Tiefschlaf.

Die Stimme abzugeben ist sehr wichtig. Denn jede unabgegebene Stimme ist wie eine Leerstelle, welche die Demokratie in Frage stellt. Das Einzige, das mir wirklich „alternativlos“ erscheint, ist jedoch die Demokratie. Und zwar weil die Demokratie davon lebt, stetig bessere Alternativen zu suchen. Innovation entsteht durch Vielfalt. Demokratie lebt von Stimmen. Auch von der Vielfalt der Stimmen.

Die Frage ist, ob Veränderung durch Wahlen entsteht. Nur durch Wahlen bestimmt nicht! Es ist allenfalls der erste Schritt. Aber dabei darf man nicht stehenbleiben. Wer zur Tat schreiten will, braucht mehr als diesen einen Schritt. Das Problem ist nämlich Folgendes: Viele gehen ja auch wählen, damit sich NICHTS ändert. Diese Wahl könnte auch ein lähmendes Patt hervorbringen. Dann hätten wir eine Wahl der Qual.

Bürgerinnen und Bürger, die etwas ändern wollen, sind also weit über den Wahlabend hinaus gefordert. Sie können sich als „Meisterbürger_innen“ für das Wohl der Gemeinschaft einbringen. Sie können als Expertinnen und Experten ihre guten Vorschläge in den öffentlichen und politischen Diskurs einbringen. Sie können gemeinsame Ideenwerkstätten veranstalten und die partizipative Demokratie in einer neuartigen „Dritten Kammer“ weiterentwickeln – ergänzend zu den beiden Kammern der repräsentativen Demokratie, den Bundestag und den Bundesrat. Wir können eine neue Kultur des WIR entwickeln und aus einem ehemals geteilten Land ein teilendes Land machen. Wenn WIR nur wollen.

Hannah Arendt hat gesagt: „Macht entsteht, wenn Menschen gemeinsam handeln!“  Wählen wir das Handeln.