JUGENDARBEITSLOSIGKEIT IN EUROPA

Videos und Beiträge von PR Kantate.

 

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von PR Kantate, Musiker.

Zerplatze Hoffnung der Generation Esperanto

Ich gebe regelmäßig Musik- und Theaterworkshops für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Jedes mal rumort dabei in meinem Hinterkopf, was aus diesen jungen Menschen „einmal werden“ wird, wie sich Ihre Persönlichkeiten entwickeln werden und nicht zuletzt, welchem Beruf oder welcher Berufung sie wohl in Zukunftl folgen. Gleichzeitig schwingt dann immer der unausweichliche Gedanke mit, ob sie überhaupt die Chance haben, ihren Werdegang so zu gestalten, wie sie es wünschen oder für richtig halten. Nicht, weil unsere Gesellschaft noch unter dem Dogma lebt „Du wirst, was Deine Eltern sagen“ – ein Glück ist das seit geraumer Zeit in den meisten Familien nicht mehr so – sondern weil mittlerweile ein anderes Dogma existiert: „Du arbeitest, was der Markt Dir übrig lässt“. Und da sieht es in Deutschland derzeit sogar noch vergleichsweise gut aus: Die Jugendarbeitslosigkeit (bezogen auf 15 bis 25- Jährige) ist mit 8 % die niedrigste in Europa. Dabei sind 8 % schon ganz schön viel, finde ich. Aber Spanien und Griechenland haben als „Krisenländer“ sogar mit um die 50 % (ja: fuffzig!) Prozent zu kämpfen. Da bleibt einem die Luft weg.

Da wäre jedes zweite meiner Workshopkids zum Nichtstun und Nichtverdienen verdammt. Nicht wegen eigener Blödheit, sondern wegen einer gravierenden Misslage am Arbeitsmarkt. An Deutschlands derzeitigem Konjunkturauftrieb zeigt sich wieder einmal, dass die Arbeitslosenquoten generell natürlich vom allgemeinen wirtschaftlichen Zustand eines Landes oder einer Region abhängen – klar. Diese Quoten in Deutschland sinken gerade wieder.
Europaweit sind allerdings Fünfeinhalb Millionen junge Menschen ohne Arbeit.

Zählt man noch solche hinzu, die ohne Ausbildung oder Praktikum sind, dann sind es sogar ca. 7,5 Millionen. 22,5 Prozent aller Leute zwischen 15 und 25 europaweit ohne Beschäftigung oder Aussicht auf diese. Puh.

Jugendarbeitslosigkeit in Europa – das Problem

Die Jugendarbeitslosigkeit hängt speziell auch mit der Funktionsweise des Ausbildungssystems und den Arbeitnehmergesetzen zusammen. Das bei uns existierende Duale Ausbildungssytem (also die Verquickung von Betrieb und Berufsschule) bietet die Möglichkeit, jungen Menschen quasi einen fliegenden Wechsel in den ersten Arbeitsmarkt hinzubekommen. In den meisten europäischen Ländern gibt es traditionsgemäß aber andere Ausbildungssysteme, die eher nach dem Prinzip: Schaue und Lerne funktionieren, dem Meister so lange über die Schulter gucken, bis de einem erlaubt auch mal ran zu dürfen.

Bei den akademischen Berufen studieren die meisten Leute meiner Einschätzung nach ja meist eher nach sehr individueller Interessenlage und oft so lange, dass bei endlich erreichtem Diplom vielleicht längst andere Fachgebiete am Markt gefragt sind, als am Anfang des Studiums. Griechenland, Spanien, Frankreich und Irland beispielsweise haben sehr viele Akademiker unter den jungen Arbeitslosen, die noch zu Vorkrisenzeiten hoffnungsvoll drauflos studiert haben, und nun doof da stehen. Besonders die Studierten mit einer geisteswissenschaftlichen Ausrichtung

Dann gibt es noch das „Problem“ mit den älteren werktätigen Menschen:
Wenn sie unter Kündigungsschutz stehen und bis ins hohe Alter arbeiten dürfen/müssen, dann belegen sie naturgemäß die vorhandenen Stellen, die dann nicht frei werden für die Jungen. Das ist nicht die Schuld der Älteren, sondern es ist einfach so. Gleichzeitig gibt es natürlich auch eine nicht kleinzuredende Anzahl an älteren Erwerbslosen, jedoch sind hier unter Umständen die persönlichen Schicksale eher das Problem als die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Die jungen von heute müssen ja schließlich morgen die Gesellschafft wuppen.

Ach ja: die Krise. Die, die erst eine der US- amerikanischer Banken war, dann zu einer der europäischen, und zuletzt zur Krise für ganze Volkswirtschaften. Sie hat dazu beigetragen, dass die bereits schon von Hause aus nicht gerade minimalen Jugendarbeitslosenraten innerhalb weniger Jahre zu dicken Krampfadern anschwollen, die jetzt als dicke Striche die gängigen Diagramme zum Thema zieren.

Die von der Krise betroffenen bzw. an der Krise beteiligten Banken haben also fundamentalen Anteil am enormen Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit.

Und oben druff: Aber bitte mit Sparen! Die unter Federführung Deutschlands von der EU eingeleiteten Sparverordnungen in den sogenannten Krisenländern zur „Rettung des Euro“, bzw. um diese Länder im Eurowährungsraum zu halten haben die Luft dann ganz entweichen lassen. Da wo eh schon nicht mehr viel war wurde befohlen, alles zu einzusparen was nur geht um dann finanzielle Unterstützung zum Weiterbestehen des Staates zu bekommen. Ein zu schnell angegangenes und kurzsichtiges Unterfangen war das. Die Folgen sind bekannt: Massenentlassungen im öffentlichen Dienst, Lohnsenkungen, Kündigungserleichterungen für Arbeitgeber.

Die Zahl der Schul- und Ausbildungsabbrecher in Europa ist übrigens auch gestiegen, darin lässt sich vielleicht eine zunehmende Resignation ablesen: Wozu brauche ich Bildung, wenn ich mir dafür später nix kaufen kann? In meinen Workshops im reichen Deutschland hör ich ja auch immer wieder den bitterernst gemeinten Witz: „Was ich mal werden will? Na Hartz IV, so wie meine Eltern.“

Viele junge Arbeitslose in den besonders stark betroffenen Ländern verlassen wegen dieser Angst vor Armut auch ihr Land oder wollen das zumindest tun. Nicht, weil sie aus ihrer Heimat weg wollen, sondern weil sie arbeiten und Geld verdienen möchten. Wenn Sie innerhalb Europas eine neue Arbeit suchen, dann können sie das dank der Freizügigkeit für Arbeitnehmer (jeder darf innerhalb Europas reisen, arbeiten, verdienen, wohnen wie er will). Die Schwierigkeit liegt nur darin, dass eine flächendeckende Übernahme von oft gut ausgebildeten Leuten in besser gestellte Länder ja nicht mal eben verordnet werden kann. Die Betriebe in Deutschland, Österreich und Norwegen müssen ja zunächst Bereitschaft und Bedarf an Arbeitskräften aus Spanien, Griechenland und Portugal zeigen. Ein Hauptproblem ist hierbei ganz klar die Sprache und der kulturelle Wechsel. Denn wenn jemand während seiner Ausbildung erst mal Deutsch lernen muss und sich in eine neue Kultur einleben soll, dann erfordert das viel Geduld und Aufmerksamkeit vom Ausbilder oder Arbeitgeber. Auch wenn es durchaus Erfolge bei dieser Art von Arbeitsbeschaffung gibt, so ist dieses Modell bisher nicht für alle Arbeitssuchenden das A und O. Die oft erwähnten drei Sprachen sprechenden Ingenieure aus Spanien haben es in Deutschland sicher relativ leicht, aber die anderen?

Aus diesem Grund zieht es viele Spanier beispielsweise auch nach Lateinamerika, wo sie Jobs finden, relativ preiswert wohnen und in ihrer Muttersprache zurecht kommen können, vielleicht haben Sie sogar Verwandte oder Freunde dort, die ihnen beim Einleben helfen und Kontakte für sie knüpfen können. Und Europa kann ja keinem Europäer verbieten, Europa zu verlassen. (Nur hineinzukommen, ist schwieriger, by the way…). Ich hörte in diesem Zusammenhang allerdings von der Krux, dass jungen Spaniern die Sozialhilfe gestrichen wird, sobald Sie ausgewandert sind, und zwar für immer. Das heißt, wenn Sie nach eventuell erfolgsloser Jobsuche oder einem befristeten Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis wieder nach Spanien zurückkehren, haben sie keinen Anspruch mehr auf staatliche Unterstützung.

Mit dieser Maßnahme soll der Abwanderung der qualifizierten Jugend, dem sogenannten Brain Drain („Hirnabfluss“ oder „Talentschwund“) entgegengewirkt werden. Doch was soll ein Land oder ein Kontinent machen mit so vielen arbeitswilliger Intelligenz? Sie im zu Hause halten und zum Brain Shrivel („Hirnschrumpeln“) verdammen? Auf bessere Zeiten hoffen? Auf ein Wunder?

Jugendarbeistlosigkeit in Europa – Lösungsansätze

1. Jugendgarantie

Dieses schön klingende Wort schwebt seit 2013 durch die Medienwelt. Dass es sich hierbei nicht um eine Werbemasche für eine neue Antiagingcreme handelt, ist klar, sondern: Die EU Mitgliedsländer sind aufgefordert dafür zu sorgen, dass jedem jungen Menschen unter 25 Jahren innerhalb von 4 Monaten nach Ausbildungsabschluß oder Arbeitsplatzverlust eine „hochwertig qualitative“ Arbeitsstelle angeboten wird. Das kann auch ein Praktikum oder eine Weiterbildungsmaßnahme sein.

Wie tatsächlich qualitativ hochwertig und nachhaltig solch eine Stelle ist, ist hierbei erstmal gar nicht näher definiert. Hierfür wurden durch die EU zusätzlich zu bereits bestehenden Finanztöpfen und Instrumenten zur Jugendarbeitsförderung 6 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. (Die Bankenrettung hat mehrere hundert Milliarden gekostet.) Wie die einzelnen Länder die Jugendgarantie jeweils umsetzen wollen, sollen sie selbst erarbeiten. Deutschland hat schon einen Implementierungsplan vorgelegt, da steht drin, man bräuchte eigentlich bei uns nicht viel machen, denn die Jugendgarantie sei eigentlich schon erfüllt. (Ob das so stimmt, bezweifle ich allerdings). Andere Länder tun sich selbstredend schwerer damit. Kontrollen oder gar Sanktionen bei Nichterfüllung der Jugendgarantie gibt es zunächst nicht.

Es stehen auch Forderungen und die Suche nach verbindlichen Qualitätsstandards für Praktika im Raum.

Meine Meinung dazu:
Wenn die Jugendgarantie etwas bewirken soll, dann muss viel viel mehr Geld da rein fließen, sonst kann man’s auch lassen. Know How- Unterstützung der Länder untereinander ist wichtig, sonst fließt das Geld womöglich in ungeeignete Maßnahmen und ist dann futsch. Es braucht eine genaue Definition über die Qualitätsstandards der Arbeitsplatz- Praktika und Weiterbildungsangebote (wird tatsächlich ein Job daraus? Wenn ja für wie lange? Zu welcher Bezahlung?) Vor- Ort- Kontrollen und nötigenfalls Sanktionen sind wohl leider auch unentbehrlich, denn sonst endet der schöne Plan noch in Statistikschönfärberei, wie wir das ja von der deutschen Arbeitslosenzahlen kennen.

2. Konjunktur ankurbeln

Die Europäische Kommission hat ein „Beschäftigungspaket“ aufgelegt,
in dem allerlei strukturelle Ideen zur europaweiten Schaffung von Arbeitsplätzen, Förderung Selbständiger Tätigkeit, Lohnreformen, Vereinfachungen von Arbeitsmarktregeln etc. gesammelt sind. Vermehrte öffentliche Investitionen sollen helfen, wieder Geld und Nachfrage ins Wirtschaftssystem zu bringen.

Meine Meinung dazu:
Wenn Banken mit Steuergeldern gerettet wurden, dann müssten die Banken auch verstärkt Unternehmen spezielle sehr günstige zielgebundene Darlehen (0,00% Zinsen!) für die Schaffung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen garantieren, um der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Viele Betriebe wollen sicher junge Leute einstellen, haben aber einfach Angst vor den Kosten. Es kann doch nicht schon wieder alles allein aus Steuergeldern finanziert werden! Banken und Betriebe müssen sich Ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stärker bewußt gemacht werden! Arbeitsplatzmäzene wären auch gut. Reiche Leute, die Selbstständige und kleine Firmen als Business Angels bei ihren Vorhaben unterstützen. Vielleicht lässt sich auch in geeigneten Fällen eine frühere Verrentung von älteren Leuten in Betracht ziehen, um Arbeitsplätze für Jüngere frei zu machen.

3. Arbeiten im europäischen Ausland

Meine Meinung dazu:
Betriebe in beispielsweise Deutschland müssen durch staatsinterne Kampagnen und Unterstützung vermehrt motiviert werden, arbeitssuchende junge Menschen aus dem europäischen Ausland einzustellen bzw. selbst auch aktiv anzuwerben. Die bestehenden Unterstützungen in den sozialen Faktoren (begleitende Sprachkurse, Unterbringung bei Gastfamilien u.a.) sind gut und dürfen nicht zurückgefahren werden. Dank Internet könnten doch auch viel mehr Leute Fernarbeit für Unternehmen in anderen Ländern leisten, könnten so Geld im Ausland verdienen, dass sie dann im Heimatland ausgeben. Und sie müssen nicht aus ihrem sozialen Umfeld fiehen.

Fazit: Das Thema ist verkorkst und noch viel vielschichtiger, als ich es darstellen kann. Eine schnelle Lösung mit ein bisschen Streugeld aus Steuergeld ist nicht machbar. Die EU muss die Fäden in der Hand halten, wenn sie es mit dem Ziel eines Europäischen Arbeitsmarktes ernst meint. Ansonsten arbeiten halt die Spanier in Lateinamerika und die Inder arbeiten alle bei uns. Und wir Deutschen in den USA und China. Ginge ja auch.

Foto: Jugendarbeitslosigkeit (Labour Youth) via Flickr (CC BY 2.0)