Kay Strasser, FF-J-P-Q-CC-IH*

alle reden von bitteren misständen, von skandalen, von unglaublichem krisen – aber wer bewegt tatsächlich etwas, in diesem lande, in diesem europa, in dieser welt? haben all die aktivisten, die moralisten und die empörten den tatsächlichen draht zur praktischen lösung oder drehen wir uns alle in einem einzigen gemeinsamen schaulaufen? in einem grossartig angelegten karussell der rechthaberei und der eitelkeiten?

der technologische fortschritt ist nicht aufzuhalten. das dürfen wir nicht mehr nur in den mediamärkten bestaunen, sondern zunehmend mit unserer überwältigenden mediennutzung beklagen. denn während es immer leichter wird für uns alle, die welt zu erfassen, erfasst diese welt auch uns. geheimdienste und grosse unternehmen lassen naturgemäss nichts unversucht, besorgniserregend-präzise persönlichkeitsprofile von dir und mir zu erstellen, welche schon längst unsere freiheitliche grundordnung und damit auch den schutzraum andersdenkender zerfasern. dies alles zu unserer sicherheit und bequemlichkeit, versteht sich. sehr viele menschen nehmen das zur zeit noch achselzuckend in kauf. einige wenige gehen hektisch-aktivistisch dagegen auf die strasse. und ganz einzelne lehnen sich derart weit aus dem fenster, dass sie zuflucht in exterritorialen botschaftsgebäuden oder flughafenzonen suchen müssen, wollen sie nicht wiederum wie andere einzelschicksale über jahrzehnte fra gwürdige haftstrafen wegen noch fragwürdigeren delikten absitzen. in gefängnissen freiheitlich-demokratisch verfasster staaten.
was bedeutet das eigentlich für uns, als nunmehr direkt betroffene? diese frage offen und aufrichtig zu diskutieren und zu beantworten und womöglich alternativen auszutesten, das wäre höchstnotwendig und eine der tatsächlichen herausforderungen unserer tage.

szenenwechsel. ein schöner platz mitten in kreuzberg, mitten in prosperierenden berlin. seit monaten schon leben hier flüchtlinge aus allen herren länder, um auf ihre hoffnungslose situation mitten in unserer zivilgesellschaft aufmerksam zu machen. 24 stunden am tag, sieben tage in der woche. sie dürfen nicht arbeiten, manche dürften noch nicht einmal hier sein, weil sie in der wahrnehmung des demokratisch verbrieften demonstrationsrechts ihre lokalen aufenthaltsbeschränkungen verletzen – doch sie protestieren lieber hier in zelten, als untätig in unwürdigen flüchtlingsunterkünften ausharren zu müssen. schon jetzt im frühherbst ist es empfindlich kalt, der zweite winter steht bevor, es gibt keine verlässlichen toiletten hier, duschen geht manchmal nur alle drei tage bei der caritas um die ecke und deutsch oder flüssiges englisch lernt kaum einer hier. stattdessen gibt es durchaus nachvollziehbare probleme mit den durchaus multikulti-erprobten arbeitenden anrain ern. wer jemals im urlaub campen war oder sich längere zeit auf festivals herumtreibt, der weiss, dass das zelt für ein paar tage lustig sein kann – aber nicht auf dauer, und erst recht nicht bei schlechtem wetter.

neben all dem menschlichen unglück, das sich hier unnötigerweise versammelt, ist es schon verheerend, wie viele talente, fähigkeiten und geistesressourcen hier in langeweile und sinnloser existenz ertränkt werden. denn jeder einzelne dieser menschen bringt einen breiten erfahrungs- und wissenschatz mit in unsere gesellschaft, die diese eigentlich dringend bräuchte, um unsere eigene zukunft zu gestalten, ja manchmal zunächst nur zu bewältigen. viele stellvertreterkriege, die unsere regierungen in aller welt führen, wären womöglich vermeidbar, wenn man die expertise jener flüchtlinge ernst nehmen würde, die genau an diesen orten ihr leben verbracht haben. jeder kann hingehen und sie fragen – und man wird erstaunliche einsichten erfahren von menschen, denen gar nichts anderes übrig bleibt, als den ganzen tag lang zu grübeln. wenn sie nicht schon längst im görlitzer park drogen verkaufen, aus geldnot und lauter perspektivlosigkeit.

nochmal szenenwechsel. war auf einer party an diesem wochenende. ganz normale leute in einer ganz normalen wohnung. wohngemeinschaft. darunter auch ein sozialarbeiter einer grundschule und ein mitarbeiter einer bedeutenden umweltorganisation, beide berufsanfänger. auf meine frage, warum sie denn jeweils diesen beruf gewählt haben und was sie daran schätzen, antworten beide unisono: weil dieser die zuverlässigsten arbeitszeiten bietet und damit ihre freizeit garantiert sei. nun frage ich mich, ob dies die beste motivation für solche posten sein kann? ob individualismus und konsum schon so weit unsere gesellschaft durchdrungen haben, dass verantwortung und echte lebensziele gar keine rolle mehr spielen? ist das nehmen zum selbstzweck verkommen? und dies in einer situation, in der sich wiederum viele andere studienabgänger mit prekären praktikantenjobs herumschlagen müssen? gewiss sollte man niemals generalisieren – aber derlei gespräche führe ich in der letzten zeit unzählige und auch zwei unmotivierte junge kräfte sind eigentlich schon zwei zu viel. für unsere umwelt und für unseren nachwuchs, und für uns selbst.

kinder sind unsere zukunft, heisst es landauf landab. doch die kopfstehende generationenpyramide macht nachwuchs rar. knapp 20 % dieses nachwuchses sind laut kinderschutzbund von armut betroffen beziehungsweise davon bedroht. und schaut man weiter, beispielsweise in unsere bildungssysteme, so sind dort weit mehr akteure frustriert und unzufrieden als inspiriert oder gar begeistert – selbst wenn die politik pausenlos etwas anderes behauptet. wohin soll das führen?

nach vorsichtigen schätzungen hat jedes fünfte dieser kinder gewalt- und/oder missbrauchserfahrungen: man schaue nur mal kurz über eine gewöhnliche schulklasse in einer ebenso gewöhnlichen schule und zähle beispielhaft ab, wer das alles sein könnte. dann wird einem schnell die dimension klar, von der wir hier sprechen: es könnte der nachbar sein, oder der nachbar neben der nachbarin, oder die daneben oder sogar du selbst. wie wollen wir eigentlich mit einer sozial wie emotional tief beschädigten mannschaft wie dieser unsere zukunft meistern? wer kümmert sich darum, während alles andere immergleich in wachstum und bilanzen gemessen wird?

wie schön wäre es, wenn wir endlich wieder dazu kommen könnten, dass diejenigen als erfolgreich gelten, die die größte gesellschaftliche relevanz erarbeiten, die tatsächlich etwas bewirken – und nicht diejenigen, die die größtmögliche menge an geld, ruhm und einfluss in ihren schatullen sammeln. denn wohlstand, frieden und eine spur von sicherheit kann nur dann nachhaltig sein, wenn dies gemeinsam erarbeitet wird und nicht ausschliesslich für einzelne.

wie das gehen soll? vielleicht indem wir uns selbst in unseren tollen universitäten, agenturen und zirkeln zuallererst daran erinnern, dass praktische arbeit weder schmutzig noch mühselig noch ausschliesslich immer nur für die anderen bestimmt ist. praktische umsetzungen schaffen vielmehr inspiration, um ideen zu schärfen und qualität mal nicht am reinen ertrag, sondern besser an der wirkung zu messen. wissenschaft, forschung, politik, aktivisten und ganz normale bürger könnten sich überlegen, inwieweit man wieder näher zusammenrücken kann, um menschen nicht nur akademisch auszubilden, denken und konzeptionieren zu lassen, sondern sie auch zum aktiven handeln am nächsten zu befähigen. die klassische teilung zwischen theorie und praxis ist zuweilen genauso gefährlich wie die problemlagen selbst: denn sie führt allzu oft dazu, dass ein konkreter ansatz gar nicht mehr möglich ist, weil die sprache der denk-elite die strasse kaum noch erreicht. niemand sollte sich zu sc hade sein, seine grandiosen ideen auch selbst in die tat umzusetzen – andernfalls bleiben sie nur papiergewordene träume. und unsere wertvollen ressourcen fallen dann wieder all jenen zu, die ihre eventuell allenfalls mittelmäßigen vorschläge cleverer verkaufen und einen dummen finden können, der sie für sie ausbadet.

doch wie lassen sich echte innovationen schnell und ergebnisoffen implementieren? man könnte echte kleine kleine kompetenz-teams aufbauen, in schulen, universitäten und öffentlichen einrichtungen. mit ganz normalen bürgern, die einen echten, persönlichen bezug zur jeweiligen herausforderung haben. diese interdisziplinären teams könnten dann vorschläge verantwortlich erarbeiten, ausgestalten und auch selbst austesten – sind sie gut, dann werden sie überzeugen und sich schnell verbreiten. sind sie es nicht, lebt man gut mit dem scheitern, lernt daraus und baut an der nächsten idee. und bewähren sich diese ideen im kleinen alltag, werden sie mit unterstützung der politik einfach hochskaliert. innerhalb kürzester zeit und womöglich auch noch höchst kosteneffektiv. damit hätte man in zeiten der krise nicht nur ein backup-konzept, sondern gleich unzählige alternativen, die tatsächlich funktionieren. damit wären viele politikansätze von oben überflüssig, die sich im lobby- und instanzenweg sowieso fortwährend verwässern. ähnliche prototypen progressiver konzepte gibt es ja mittlerweile – beispielsweise beim musikernetzwerk fora do eixo in brasilien, in diversen berliner innovationsnetzwerken oder auch bei teilen der zapatistas in mexiko.

und noch eines zum schluss, nur um gleich wieder zurück vor die eigene haustür zu finden: zivilcourage erzählt man nicht, man leistet sie. reden ist wichtig, keine frage – aber wie wäre es eigentlich, wenn jeder von uns wenigstens die hälfte seiner propagierenden energie dazu verwenden würde, wirklich etwas zu bewegen, anstatt immer nur zu argumentieren? wie wäre es, wenn wir mit unseren talenten und fähigkeiten jeden tag da wären für die konkreten herausforderungen, sorgen und nöte unserer allernächsten – ganz still und leise, aber mit einem direkt spürbaren einfluss auf echte schicksale? warum nicht kleine dinge starten und sie gross machen, falls sie funktionieren, statt sich immer über die unzulänglichkeiten der grossen zusammenhänge zu beklagen? wenn mut, engagement und verantwortungssinn tatsächlich an erster stelle stünden und wir mit allem was wir sind und was wir haben und mit allergrößter verbindlichkeit dafür einstünden? wenn am ende du , ja genau du der ideale ansprechpartner wärst für dies und das, für mich und all die anderen?

p.s., in eigener sache: wer mit solchen texten wie diesem viele finger in viele wunden legt, dem wird schnell selbstgerechtigkeit und egozentrik vorgeworfen. vor allem, wenn man den freiheitsbegriff mal anders denkt und lustvolle verantwortlichkeit direkt beim mitmenschen einfordert. dem setze ich mich gerne aus – denn ich habe bereits gestern begonnen, mit derartigen vorschlägen zu experimentieren, machmal auch an meinen eigenen unzulänglichkeiten zu scheitern und dennoch viele kleine dinge funktionieren und fortschreiten zu sehen. das ermutigt mich, andere einzuladen, daran teil zu haben und wenn nötig, mich konstruktiv, ernsthaft und mit aller hingabe dieser kritik auch weiter auszusetzen.

es ist das ewige dilemma der avantgarde: für massenakzeptanz ist sie noch zu früh dran – und funktionieren ihre gedanken irgendwann, dann machen später all jene sie zu geld, die daran gar keinen anteil hatten. die avantgarde ist unterdessen schon längst weitergezogen, vertieft in neue ideen. und funktionieren diese gedanken doch nicht, dann braucht sie auch keiner zu kommerzialisieren. folglich waren sie nie der rede wert. bizarr?

mehr dazu? -> www.facebook.com/kaystrasserphotography

*Beruf: freischaffender Fotograf, Journalist, Projektcoach, Querdenker, CommunityCatalyst & Intuitiver Hacker