Sascha Koesch, Chef und Redakteur

Wahl ist aber auch ein verwirrendes Wort für Wahlen. So als könnte man sich was wünschen, dann bekommt man das. Das klingt so frei, unbekümmert, so richtig. Aber was ist eigentlich eine Wahl? Für mich persönlich?

Seit ich denken kann, bedeutet Wahl für mich: die Partei wählen, die die beste Chance hat zu verhindern, das genau die in die Regierung kommen, die man nicht will. Eine Wahl mit negativen Vorzeichen also. Das Schlimmste verhindern, weil es eine bessere Welt geben mag, aber eben nie meine erste Wahl. Ich habe schon immer verstanden warum die Zweitstimme die wichtige ist. Was man nicht will, weiss man immer.

Und mittlerweile kenn ich kaum jemand, der irgendwie anders wählt. Unter meinen Freunden niemanden. Wahlversprechen glaubt keiner mehr, Wahlkampf ist bestenfalls Belustigung über skurrile Marketingverrenkungen und nach dem Wahlkampf ist sowieso business as usual. Jede Übereinstimmung mit einer Partei geht per se immer nur so weit, wie die Welt irgendwie halbwegs auf einen erträglichen Pfad gebracht werden kann. Sachzwänge regieren sowieso. Ein schmaler Grad für das was man so euphemistisch freie Wahlen nennt. Aber Demokratie ist irgendwie auch Realismus.

Das eigentlich Erstaunliche ist bei dieser Vorraussetzung: nur ein verschwindend geringer Teil dieser nicht zu unterschätzenden Masse befasst sich bei jeder Wahl erneut damit selbstgebastelte Statistiken auszuknobeln, Zahlen akribisch zu checken, mit der eigenen Wahl am Ende bis zur letzten Minute zu warten und lässt sich dennoch nicht entmutigen irgendwo – selbst unüberzeugt, aber doch überzeugt strategisch – sein Kreuz zu machen. Alle Jahre wieder.

Warum tun wir uns das an? Warum posten wir jetzt sogar massenweise Polit-Selfies, haben ein unerschütterliches Interesse an den Irrungen und Wirkungen der Politik und klicken uns durch jeden Wahl-o-Mat, wenn es am Ende doch nicht darum geht, dass uns von einer Partei dieser eine Wunsch erfüllt werden könnte: Mit unserer Stimme zu sprechen?

„Regieren geht auch anders!“ Das ist hier die steile These. Aber der Glaube, dass das Regieren selbst letztendlich als System veränderbar wäre, mag als Hoffnung zurecht jemanden wie die Piraten umtreiben, Realisierung und Glaube klaffen aber traditionell schon immer weit weit auseinander. Ein wenig mehr Transparenz, ein Hauch mehr Ehrlichkeit wären ja schon mal ein Anfang.

Sind es die kleinen Schritte, die im Einzelnen hier und da doch noch überzeugenden Programmpunkte, die einen zur Wahl bewegen könnten, die aus dem „das Schlimmste verhindern“ ein erträgliches „besser als nix“ machen? Die uns immer wieder dazu treiben, das Mitregieren durch Wahlentscheidung doch nicht aufzugeben?

Teils teils. Mehr aber als das, ist es eine gefühlte Stimmung, die eine andere Regierung erzeugt. Diese gesamtdeutsche Kommunikationslage quer durch alle Medien die man grob gesagt Kultur nennen könnte. Dass einfach bestimmte Themen nicht mehr zur Sprache kommen, die man nun wirklich auch nicht mehr erträgt. Dass es mit einer anderen Regierung ein paar Selbstverständlichkeiten einer modernen Welt und Kultur gibt, die einfach keinerlei politische Diskussion brauchen. Weltoffenheit, Deutschland als ein Land unter vielen, Gleichheit der Menschen, Solidarität mit den Schwächeren. All diese eigentlich lapidaren und immer wieder missbrauchten Phrasen, um die man sich mit einer anderen Regierung nicht mehr ständig kümmern muss, die einen nicht mehr ständig aufregen, nicht weil die schon die passenden Gesetze machen, um mit all dem aufzuräumen, sondern weil sie eben schlichtweg gelebte Ausgangskultur sind, über deren Grundlagen und Richtungen es keine zermürbend, depressiv lähmende Diskussion mehr zu geben braucht.

Und so führt eine eigentlich negative Wahl – wenn das Glück mitspielt – am Ende zu einem Ergebnis, das trotz des strukturell gleichen Regierens, irgendwie besser ist, auch wenn man dieses besser eher als Gefühl wahrnimmt, als Stimmung im Land, und am Ende glauben darf, dass es die Mühe dann vielleicht doch Wert war und man ausnahmsweise mal nicht umsonst ein paar Kreuze gemacht hat.