Warum Europa mich glücklich macht

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von Claudia Frenzel, Kulturmanagerin.

In meiner Kindheit und Jugend war Europa nicht grenzenlos, im Gegenteil. Mein Bewegungsradius war als Ostdeutsche auf die DDR, die Tschechoslowakei (heute die Tschechische Republik und die Slowakei), Polen und Ungarn beschränkt. Natürlich waren auch sonst die Staaten der sozialistischen Bruderländer ein mögliches Reiseziel, aber für die meisten Ostdeutschen, standen Länder wie Kuba, Russland oder gar Vietnam ebenso auf der Liste unerreichbarer Ziele, wie die USA.

Der Westen war, obwohl wenige Kilometer von meiner thüringischen Heimat entfernt, für mich unerreichbar. Aber so wirklich in meinem Fokus war Europa da auch noch nicht – für mich bestand die Absurdität vielmehr darin, dass wenige Kilometer meiner Heimat Menschen lebten, die mir kulturell, sprachlich und auch von ihrer Geschichte sehr nah waren, aber für mich völlig unerreichbar. Darunter meine beste Freundin aus Kindertagen, die Mitte der 80er Jahre in den Wester übersiedelte und mein Vater, der 1988 mit seiner neuen Ehefrau und deren Kindern nach Westberlin ausgewanderte. Mit diesen „klassenfeindlichen“ Kontakten wurde der Bewegungsradius für mich sogar noch kleiner, denn an Familientreffen in Prag, hatten die Staatsoberen der DDR kein Interesse, und wenn sie Westdeutschen die Einreise in die Tschechoslowakei schon nicht verwehren konnten, dann doch dem kleinen Mädchen aus dem Osten.

Schon früh war mir klar – Mauern und Grenzen, die dazu da sein sollten, Menschen, auch sich liebende, voneinander zu trennen, sind absurd. Klar, wir hatten Geschichte und die berüchtigte Staatsbürgerkunde, die uns erklärte, warum wir ein geteiltes Land sind und dass wir die bessere, weil antifaschistische Hälfte des Landes waren. Aber so richtig Sinn ergab es für mich als 10Jährige nicht, dass ich nicht einfach losfahren und die Familie meines Opas, der aus Dortmund stammte, nicht besuchen können sollte, oder warum ich meine Sandkastenfreundin im Westen nicht einfach anrufen konnte. Klar war nur, die Welt ist groß, aber für dann eben doch recht klein.

Ich erinnere mich an eine der wenigen Reisen nach Berlin und meiner Sehnsucht, beim Anblick jedes Grenzübergangs, oder von Grenzzäunen, nach meinem Vater, der einfach auf der anderen, für mich unerreichbaren Seite lebte. So nah und doch so fern – absurd. Ich erinnere mich an Freunde meiner Eltern, denen die Stasi übel mitspielte, obwohl sie einfach nur die Welt sehen wollten und nach Freiheit strebten, eine Mauer und Grenze überwinden wollten. Sie bezahlten diesen Wunsch mit Knast, bestenfalls wurde ihre Karriere zerstört oder sie zerbrachen einfach innerlich in einem System, von denen ihn die heimischen Medien behaupteten, es sei die bessere Welt.

Dass für mich ganz persönlich, der Mauerfall mehr als ein Symbol war, ist klar. Meine Welt änderte sich über Nacht, als mein Vater am Tags darauf vor meiner Tür stand, und ich kurz darauf schon nach Berlin fahren und ihn und seine Familie besuchen konnte. Auch 25 Jahre später sehe ich mich noch die Tür öffnen, meinen Vater in die Arme schließen mit dem Verständnis, etwas Großes war passiert – eine Mauer war wirklich gefallen, eine undurchlässiger „Schutzwall“ hatte seine Schuldigkeit getan.

Was hat diese Geschichte mit Europa zu tun. Sehr viel: Grenzen, die Menschen voneinander trennen, die Menschen fernhalten und gar deren Tod in Kauf nehmen (was auch die Grenze der DDR und jene, die sie bauten taten) passen nicht zur einer globalisierten, eng vernetzten und im Austausch befindlichen Welt. Grenzen, an denen Menschen, die vor Tod, Hunger und Unterdrückung fliehen, sterben, stehen nicht für eine moderne Welt.

Die europäische Einheit hat uns gezeigt, dass man Grenzen überwinden und miteinander leben kann, ohne kulturelle Identität aufgeben zu müssen. Europa mit seiner Freizügigkeit, hat dazu beigetragen, dass wir ganz selbstverständlich Grenzen überschreiten.

Wenn das heute von rechten Kräften in Frage gestellt, nach Abschottung und nationaler Identität geschrien wird, dann sollten wir uns vor allem daran erinnern, dass insbesondere wir in Deutschland, vor allem Ostdeutschland, von Europa profitieren. Schließlich hätte man es in den 50ern unseren Nachbarn nicht verübeln können, wenn die nach einer großen Mauer um Deutschland herum verlangt hätten – aus Schutz.

Wir sollten uns, vor allem 25 Jahre nach dem Mauerfall daran erinnern, was es heißt, ohne Mauern aufzuwachsen, selbstverständlich zu unseren Nachbarn zu reisen und vor allem eins zu haben: Frieden in Europa. Für uns Deutsche, vor allem mich als Ostdeutsche, ist Europa etwas Großartiges, etwas das nicht in Frage gestellt werden , sondern höchstens noch besser werden kann. Auch deshalb ist es für mich eine Pflicht, am Sonntag eine der demokratischen Parteien zu wählen, eine von denen, die Europa nicht in Frage stellen, sondern mit Vision und Engagement noch besser machen wollen.

Foto: Grenzen via Flickr (CC BY 2.0)