What the FRACK?

Warum Schiefergas nicht die Antwort auf unsere Energieprobleme ist.

Von Can Erdal.

Das Wort „Fracking“ habe ich zum ersten Mal gehört, als die ARD über den möglichen Einsatz von Fracking in Niedersachsen berichtet hat. Dort wurden Bilder aus den USA gezeigt. Bilder, die ich mir in einer Gesellschaft, die ihre Bürger schützen will, nicht vorstellen konnte. Da wurden Chemikalien in den Untergrund gepumpt, deren Namen und deren Wirkung ich nicht kannte und die definitiv nicht in trinkbares Wasser gehören. Es war zu sehen, wie Gas durch normale Wasserleitungen strömte, und wie Leute dieses Wasser anzünden konnten. Puh, dachte ich, ein Glück haben wir höhere Umweltstandards in Europa als in den USA. Das kommt bestimmt nicht.

Doch da habe ich die Rechnung ohne das Deutsche Bergrecht gemacht. Ein Recht aus der Kaiserzeit, das weder Umweltverträglichkeit noch Rechte für betroffene BürgerInnen beinhaltet. Nicht umsonst heißt es in den Kohleregionen: „Bergrecht bricht Menschenrecht“. In den nächsten Monaten kam heraus, dass die größten Energie- und Ölförderfirmen der Welt bereits Teile von Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen unter sich aufteilen – völlig legal. In möglichen Fördergegenden werden Claims abgesteckt. Hört sich nicht nur nach wildem Westen an, ist auch so.

Ich konnte aber auch beobachten, wie unsere Demokratie funktioniert. Die Anfragen von ein paar Abgeordneten aus Bundes- und Landtag haben dazu geführt, dass Fracking und dass diese Wildwest-Geschäftspraktiken überhaupt aufgedeckt wurden. Gleichzeitig entstand eine Vielzahl von Bürgerinitiativen. Man hörte aus Frankreich, aus Großbritannien und aus anderen Ländern, dass sich die BürgerInnen erfolgreich gegen diese dreckige Form von Gasgewinnung gestellt haben. Die Leute wollen diese Technologie nicht. Die Leute wollen nicht, dass tausende Tonnen an Chemikalien in die Erde gepumpt werden, um Gas aus dem Gestein zu lösen. Niemand weiß, was mit diesen Chemikalien passiert. Wohin sickern sie? Verdammt, niemand kennt die unterirdischen Wasserverbindungen! Niemand könnte sagen, wo und wann vergiftetes Wasser auftauchen würde. Wir müssen unser Trinkwasser schützen, unser Lebensmittel Nummer eins.

Genau wie bei der Atomkraft, wollen aber einige Menschen nur die Vorteile sehen. Sie sehen nur den kurzfristigen Profit. Zu diesen Menschen gehört Günther Oettinger, seines Zeichens Energiekommissar der EU. Man hat oft das Gefühl, dass Frau Merkel ihn als böses, kleines Teufelchen nach Brüssel geschickt hat, damit er immer von ihrer rechten Schulter zu ihr herunter ruft: „Hey Angela, das ist geil, das macht Spaß, das bringt Kohle – Scheiß drauf, was die Anderen sagen.“ Ein kleines Teufelchen, das Frau Merkel immer sprechen lässt, wenn sie die Interessen von großen Energieunternehmen zu Wort kommen lassen will. Und ihm ist jedes Mittel recht: So nutzte Herr Oettinger zuletzt die Krim-Krise, um das Märchen der Energieunabhängigkeit durch Fracking zu erzählen. Er spielt mit den Ängsten der Menschen und probiert so, eine Risikotechnologie nach vorne zu bringen, die niemand will. Herr Oettinger verhält sich wie ein Junkie. Er ist völlig abhängig von fossilen Energieträgern. Und anstatt sich einem Entzug zu stellen, sucht er sich Ersatzdrogen. Fracking ist das Methadon der Energieriesen, die nicht früh genug auf Erneuerbare Energien umgestiegen sind. Und Oettinger ist der Pusher, der Dealer, der die Rechtslage über die Europäische Union zugunsten der Abhängigkeit verdrehen will.

Eine mutige europäische Politik hat längst das Rezept, um wirklich energieautark zu werden. Dazu braucht es nur den Willen, wirklich die richtigen Schritte zu gehen. Denn die Erneuerbaren sind da. Und nur sie machen uns unabhängig vom Ausland. Niemand hätte vor 15 Jahren gedacht, dass wir in der Energieversorgung durch Wind, Wasser und Sonne heute schon so weit sein würden, wie wir es tatsächlich sind. Wir dürfen diesen Vorsprung nicht einfach so aus der Hand geben. Gerade in der EU können die Weichen gestellt werden, dass dieser Vorsprung noch ausgebaut wird. Die Erneuerbaren Energien werden stetig und kreativ weiterentwickelt, wenn man ihnen keine Ketten anlegt. Die Forschung und die Kreativität in Wirtschaft und Wissenschaft müssen gefördert werden.

Und das ist nicht nur eine Klimaschutzfrage, auch wenn sie schon Grund genug wäre. Schon jetzt sorgen die Erneuerbaren für die günstigsten Strompreise, die es je gab – zumindest an der Strombörse. Auf lange Sicht werden die Erneuerbaren die einzige Möglichkeit sein, Energie für alle bezahlbar zu machen. Geben wir uns nicht der Illusion hin, dass Gas, Öl und Kohle in den nächsten Jahrzehnten günstiger werden.

Wir haben das Rezept, wir müssen nur die Zutaten richtig dosieren und einige noch hinzufügen. Aber die Zutaten eines Chemiecocktails, wie er für’s Fracking gemischt wird, führen zu einem giftigen und ekelhaften Fertiggericht, an dem wir sehr lange zu verdauen hätten.

Foto: Fracking (Poster Boy NYC) via Flickr (CC BY 2.0)