whatever happened to ever-closer union?

Videos und Beiträge von Logan Zufall.

 

Bildschirmfoto 2014-04-30 um 08.11.30
von Logan Zufall, Musiker.

Wer seine Kindheit wie ich in den Achtzigerjahren in Berlin (West) verbracht hat, für den war der Zweite Weltkrieg irgendwie immer präsent. Die Stadt war sozusagen konservierter Kriegszustand im Pausemodus. Mauer, Grenzanlagen/-kontrollen, Viermächtestatus, Geister-U-Bahnhöfe mit MP-bestückten Vopos auf der U6 von Tegel nach Kreuzberg. Als Kind hielt ich das für normal. Rückblickend wirkt es skurril. Geprägt hat es mich allemal. Aber auch im heutigen, weitgehend geglätteten und durchsanierten Berlin sind die Spuren des Zweiten Weltkriegs im Alltag noch nicht ganz verwischt. Fast jeden Tag gehe ich an einer Wand der Weddinger Uferhallen vorbei, die übersät ist mit Einschusslöchern.

Was zum Teufel hat das mit den Europawahlen 2014 zu tun? Ziemlich viel. Weil Europa in erster Linie eben nicht der Euro, Brüsseler Bürokratie, ESM, Zollunion oder konzerngesteuerte Lobbymaschine ist, sondern ein verdammt nochmal historisch einzigartiges Projekt, das Krieg im Garten der Mutter aller Kriegsschauplätze dort wo wir uns jahrhundertelang auf quantitativ und qualitativ höchstem Niveau dahingemetzelt haben undenkbar gemacht hat. Dafür gab’s kürzlich den Friedensnobelpreis. Toll. Kann also abgehakt werden. Nö.

Wenn ich mir angucke, wie selbst halbwegs aufgeklärte Menschen um mich herum im Zuge der Eurokrise längst vergessen geglaubte nationale Ressentiments und Stereotypen über „faule Griechen“, „Sozialtourismus aus Rumänien“ etc. bedienen. Wenn ich sehe, wie nationale Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten, nicht zuletzt die verschiedenen Merkelregierungen, für innenpolitisches Stimmungstuning in Rhetorik und Tat einen Kurs der Re-Nationalisierung einschlagen, der durch bewusste Desinformation und Verschweigen einfacher Zusammenhänge die Grundlage eines gemeinsamen Europas Stück für Stück zerschlägt, auch weil er ungewollt Aufbauhilfe für AfD, FN, PVV und ihre Brandstifterkollegen leistet. Dann wird mir nicht nur schlecht, sondern ich glaube, dass es an der Zeit ist, klare Kante zu zeigen, dass ein geeintes, vereinigtes Europa keine unsexy Selbstverständlichkeit ist, sondern etwas, für dass es sich aufzustehen und dass es zu verteidigen lohnt. Egal, ob das Europabashing beim Kneipengespräch auftaucht oder aus dem Europäischen Rat selbst also von den nationalen Regierungen – kommt.

Dabei geht es nicht um Schulterklopfen für das eigentümlich gewachsene institutionelle Gebilde EU, das an vielen Fronten berechtigterweise zu kritisieren ist. Sondern es geht um ein gemeinsames Europa von unten, von arbeitslosen Jugendlichen in Spanien, über 1-Euro- Jobber in Deutschland, bis zu politisch-unterdrückten Künstlern in Ungarn. Ein vereinigtes Europa gehört uns, nicht den Regierungen und schon gar nicht den Konzernen und Banken. In den europäischen Verträgen steht seit langem das Ziel der Schaffung einer immer engeren Union der Völker Europas. Anstatt uns von nationalen Regierungen und Interessengruppen gegeneinander ausspielen und re-nationalisieren zu lassen, sollten wir genau diese immer engere Bindung einfordern und als Völker (nicht nur als Märkte) enger zusammenrücken. Whatever happened to ever-closer union? Ein kleiner Schritt dahin kann ein gestärktes Europaparlament gewählt von allen Europäern sein, das wiederum eine wirkliche europäische Regierung wählt, die dann eben nicht mehr in Hinterzimmer- Machtspielchen nationaler Regierungen ernannt wird.

Zucken wir beim Zerbröseln der Idee des vereinigten Europa und Widererstarken nationaler Egoismen in Europa gleichgültig die Schultern, riskieren wir nicht nur, dem Kalkül der USA, Russland und China absolut ausgeliefert zu sein, sondern dass die Undenkbarkeit kriegerischer Auseinandersetzungen mitten in Europa langfristig wieder denkbar wird. Marktinterdependenzen allein werden uns davor nicht bewahren.

Mir jedenfalls reichen die Einschusslöcher von 1945 in meinem Kiez. An neuen habe ich kein Interesse.